Der Museumsschreck

Beginnen wir mit dem Mantra des Museologen:

Du sollst leise sein!

Du sollst nichts anfassen!

Du sollst nicht rennen!

Dies sind die universellen Gesetze der Hüter der Vergangenheit, unverrückbar, eisenfest, eingebläut in die Herzen der Kinder vom ersten Augenblick an, da sie mit einer Kindergartengruppe die Schwelle des Heimatkundemuseums von Gravenreuth-Hinerborstel übertreten.

Und alles ist gut, solange sich die Menschheit an diese ehernen Gesetze hält, solange ist die Vergangenheit geschützt, bereit, den zu lehren und vor Fehlern zu wahren, der sich ihr widmet.

Doch wehe, es kommt einer, dem diese Gesetze schnuppe sind. Vollkommen wurscht. Total egal. Wehe es kommt der Museumsschreck. Wehe es kommt: meine Mutter!

Von meiner Mutter habe ich das Mantra des Museologen vor einigen Jahrzehnten gelernt. Damals waren Museumsbesuche eher Seltenheit. Man kann sich die Zeitzer Kinderwagenausstellung nur so und so oft ansehen, ohne dass sich ein gewisser… Gewöhnungseffekt einstellt. Aber man braucht nur einmal eine alte Kirchenbibliothek zu besichtigen und ist angefixt. Und wird abhängig von all dem, wovor bei Drogen immer gewarnt wird. Mit der Nebenwirkung, dass ich alles, was älter ist als hundert Jahre, unbedingt haben will. Oder alles, was aussieht, als könnte es bereits hundert Jahre alt sein. Oder alles, was irgendwie interessant aussieht, auch wenn sich der Sinn und Zweck nicht sofort erschließt. Und nein: es ist kein Schrott! Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zum Museumsschreck. Irgendwo auf dem Weg zum Rentnerdasein muss sich das Bewusstsein breit gemacht haben, dass das Leben zu kurz ist, um blödsinnige Regeln zu beachten. Natürlich nicht absichtlich, aber die verbleibende Lebenszeit ist viel zu kurz, um sie mit unnötigen Gedankengängen zu verschwenden. Und das Mantra der Museologen ist dabei unter die Räder gekommen.

Nicht absichtlich, wie gesagt. Meine Mutter ist in einem Museum leise. Zumindest redet sie nicht lauter als nötig, um alles hören zu können. Und sie ist natürlich nicht schwerhörig. Der Rest der Welt muss nur eben etwas lauter reden, ihrer Meinung nach. Eine Meinung, die sie mir zuflüstert und dabei mühelos den sichtlich bemühten Führer übertönt. Verwunderte oder gar strafende Blicke werden mit einem nonchalanten Was haben die denn bloß? quittiert.

Meine Mutter fasst auch nie etwas an im Museum. Es ist nur so, dass sie manchmal die Kondition verliert und sich dann setzen oder zumindest abstützen muss. Kennen Sie den Witz mit dem erschöpften Besucher, der sich auf einen Sessel sinken lässt und den herbeieilenden Museumswächter beschwichtigt, dass er schon aufstehen würde, wenn dieser Herr Goethe kommt und unbedingt auf seinem Stuhl sitzen will? Könnte meine Mutter sein. Im Ernst.

Dafür rennt sie nicht in Museen. Sie rennt überhaupt nicht. Habe ich die ihre mangelnde Kondition erwähnt? Aber sie kann alles, vor allem, wenn sie dafür zwei Euro fünfzig bezahlt hat. Bloß etwas langsamer. Wesentlich langsamer. So, dass Zeitlupe wie eine Speedkamera wirkt. Eine fünfundvierzig Minuten Führung kann sie locker auf zwei Stunden ausdehnen. Es gibt Foltermuseen, die mit Skeletten gefüllt sind. Nicht von ehemaligen Folteropfern, sondern von Führungsteilnehmern, die beim Warten auf sie verhungert sind..

Glücklicherweise kenne ich das Problem. Und betrete kein Museum ohne einen ausreichenden Vorrat an Trinkwasser und Lebensmitteln.

In Museen darf man normalerweise nicht essen. Aber gewisse Regeln kann man ignorieren. Vor allem, wenn der Museumsführer neben einem schon verhungert ist.

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