[Rezension] Born to run – here to stay

Bruce Springsteen und die Depression

„Es gibt Bücher, wenn die auf einen zur richtigen Zeit im Leben treffen, dann können die einem unheimlich viel geben.“ Den Satz sagte vor langer Zeit ein Freund von mir. Der Fänger im Roggen, den er mir gleich mitgab, fiel für mich – sehr zu seinem Unverständnis – nicht in diese Kategorie.

Aber vor wenigen Wochen habe ich verstanden, was er gemeint hat.

Wer, wie ich, gegen Ende der Achtziger bewusst seinen Musikgeschmack entwickelt hat, kam um einen Mann nicht herum: Bruce Springsteen. Born to Run, My Hometown, I’m on Fire, Dancing in the Dark und nicht zuletzt Born in the USA fanden ihren Weg in jedes Radio und auf jeden Kassetten-Rekorder und ließen sich auch nicht von den Mauern der Gated Community aushalten, in der ich aufgewachsen bin. Und der Mann kam, um zu bleiben, ob in den Street of Philadelphia oder im Secret Garden.

Als also seine Biographie herauskam, war das ein willkommener Anlass, sich mal näher mit dem Mann zu beschäftigen, der einen eh schon das halbe Leben lang begleitet hat.

Nun sind Biographien so eine Sache: Die von deutschen Promis, die mir in der letzten Zeit untergekommen sind, bestanden aus einer Aneinanderreihung von Name-Droppings und der gebetsmühlenartig wiederholten Aussage, dass man ja nur das gemacht hatte, was einem Spaß machte, und der Rest dann irgendwie so passierte.

Das erste Drittel von Born to Run liest sich wie die übliche Tellerwäscher zu Millionär Geschichte. Ok, ist ja nicht schlimm. Der Mann hat hart gearbeitet, nachdem er den legendären ersten Auftritt von Elvis Presley im Fernsehen sah und beschloss, Musiker zu werden. Der bei seinen ersten Bühnenauftritten feststellen musste, dass der Typ im Spiegel, der bisher sein gesamtes Publikum darstellte, bei der Einschätzung des Talents wohl etwas hoch gegriffen hatte und der trotzdem nicht aufgab, sondern von sich und jedem, der mit ihm spielen wollte, 100 Prozent verlangte. Was sich – wie wir alle wissen – mit seinem dritten Album Born to Run auch auszahlte. Das der finanzielle Erfolg der Platte und der Tournee fast vollständig in den Tiefen des Finanzamts verschwand, ist eine nette Nebeninformation.

Denn dann wird es richtig spannend.

Was passiert einem Mann, wenn er an der Spitze angekommen ist? Wenn er alles erreicht hat, wovon er je geträumt hat?

Dann passiert das Leben. Und das Reichtum nicht gleich Glück ist und Erfolg kein sicheres Fundament, sondern eher das Drahtseil über einem Abgrund ist, beschreibt Springsteen im Rest des Buches und das so anschaulich und persönlich, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte.

Was ist Depression? Eine Ausrede für Leute, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen, so wie ich es vorgestern auf Twitter gelesen habe? Oder eine Krankheit, über die sich keiner traut zu sprechen?

Springsteen tut es, er spricht darüber. Und es wird wohl keiner behaupten, dass der sein Leben nicht im Griff hat. Und als ich seine Erfahrungen las, bin ich erschrocken, weil mir vieles von dem, was er berichtet, viel zu bekannt vorkam. Die Abstürze, wenn nichts mehr zu tun ist, wenn die Tour vorbei ist. Die besessene Arbeit, die einzig und allein davon ablenken soll, was wartet, wenn man mit sich allein ist. Der Abgrund, der sich urplötzlich auftut, wenn man nicht genau aufpasst, mit welchen Menschen man sich umgibt, welche Gedanken man verfolgt, welche Gefühle einen runterziehen.

Und das es die Möglichkeit gibt, dagegen anzukämpfen. Wenn man einen Partner und echte Freunde hat, die helfen, wenn man sich öffnet, einen Therapeuten und Medikamente in Anspruch nimmt.

Wenn man nicht alles in sich hinein frisst, sondern sich helfen lässt.

Vielleicht eine der schwersten Aufgaben, die man in seinem Leben bewältigen muss.

Es kostet Mut. Sehr viel Mut. Und den Mut zu finden, das Innerste vor einer Weltöffentlichkeit zu präsentieren, dass verdient Respekt.

Und Dank. Vielen Dank, Mr. Springsteen, dass Sie dieses Buch geschrieben haben.

Und hier die Links dazu:

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PS: Mittlerweile geht es mir besser. Es war eben das richtige Buch zur richtigen Zeit.

 

 

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